Philosophie

Schüleressay - GK Philosophie 12

J..S., Ist Wahrheit eine Erfindung des Menschen?

Der Mensch kann lügen, doch er kann nicht wahrheiten, denn dieses Wort gibt es nicht. Wahrscheinlich, da er nicht beeinflussen kann, inwieweit er tatsächlich die Wahrheit sagt, sondern nur inwieweit er die scheinbare verfälscht. Hätte der Mensch Wahrheit erfunden, so besäße er auch Macht über sie. Die Behauptung, dass dies zutrifft, wäre jedoch absolut töricht. Mit diesem Essay will ich nun davon überzeugen, dass Wahrheit keine Erfindung des Menschen ist.

Um dies tun zu können, muss ich jedoch zunächst einige andere Fragen stellen. Eine davon wäre: Was ist überhaupt Wahrheit?

Ja, diese Frage stelle ich tatsächlich. Denn auch wenn wir die Wahrheit des Öfteren nicht kennen, so meinen wir dennoch zu wissen, was sie ist. Doch wie kann man etwas zuverlässig definieren, dessen Inhalt einem vorenthalten bleibt? In der Tat haben sich schon viele Philosophen an einer Definition von Wahrheit versucht, aber letztendlich bleibt es doch dabei: Wir können nur danach gehen, was wir uns unter ihr vorstellen, nicht danach, was sie ist. Jedoch scheint es für uns Wahrheit zu sein, wenn das Erfahrene mit dem Tatsächlichen übereinstimmt.

Überdies lassen sich mehrere Wahrheiten, die dem Menschen bewusst sind, unterscheiden. Die Wahrheit im Alltag, bzw. im praktischen Sinne, ist die, die den Gegensatz zur Lüge darstellt. Dem Menschen an sich ist es äußerst wichtig, von seinem Gegenüber die Wahrheit gesagt zu bekommen. Dabei spielt es für ihn zunächst keine Rolle, ob es tatsächlich die Wahrheit ist. Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sein Gegenüber fest in dem Glauben ist, die Wahrheit zu sagen, bzw. zu wissen und ihm diese mit dem Willen dahinter preisgibt, ihn nicht belügen zu wollen. Dies wäre der Wahrheitsbegriff der Ethik.

Des Weiteren gibt es die Wahrheit im theoretischen Sinne, die, mit der sich die Erkenntnistheorie beschäftigt. Die Frage ist, ob der Mensch seinen Sinnen vertrauen kann und diese dazu in der Lage sind, ihm die Realität zu vermitteln, ferner auch, ob die menschliche Vernunft fähig ist, ihn die Wahrheit durch reines Nachdenken und logische Schlussfolgerungen selbst finden zu lassen. Er stellt sich hier die Frage, ob und inwieweit das, was er erfährt, wahr ist, und sucht nach einem Weg, Wahres zu finden. Dieser Begriff der Wahrheit entspricht folglich der tatsächlichen Realität, und ist somit das Gegenteil von dem, was uns wahr erscheint.

Eine dritte Wahrheit ist die, die der Mensch sich aufgebaut hat, um überhaupt erst solche Diskussionen führen zu können, nämlich die Wahrheit oder vielmehr die Lüge der Sprache. Die Frage nach der Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit ist eine zentrale Frage der Sprachphilosophie. Laut Wittgenstein ist Wahrheit die Gesamtheit aller wahren Sätze. Er schreibt der Sprache also zumindest theoretisch die Fähigkeit zu, Wahrheit fassen zu können, tatsächlich sagt er aber, „was sich in der Sprache ausdrückt, können wir durch sie nicht ausdrücken“. Der Mensch hat Dingen nur willkürliche Begriffe zugeordnet, die er mittlerweile so sehr verinnerlicht hat, dass sofort das mit dem Begriff Gemeinte beim Hören dieses mit ihm assoziiert wird. Er akzeptiert die unvollständige Wahrheit, die Begriffe ihm geben. Somit ist diese sehr wohl eine Erfindung des Menschen, jedoch nur um über die tatsächliche Wahrheit reflektieren zu können. Doch wie kam die Idee der Wahrheit in den Kopf des Menschen?

Über etwas, das selbstverständlich für jemanden ist, wird dieser Jemand wahrscheinlich auch nicht nachdenken. Dies wird er erst dann tun, wenn ihm ein Gegensatz zu dem für ihn Selbstverständlichen bewusst wird. Das heißt, der Mensch wird erst begonnen haben, sich mit dem Thema Wahrheit zu beschäftigen, als ihm die Lüge gewahr wurde. Vor der Erfahrung der Lüge musste er nicht an dem, was er für wahr hielt, zweifeln. Fraglich ist, wie ihm die Lüge bewusst wurde; entweder erkannte er eine Täuschung durch ein Phänomen in der Natur – oder er wurde einst von einem Menschen das erste Mal belogen.

Aber wie kam der Mensch dazu, selbst und vorsätzlich zu lügen? Sein Bedürfnis, zu lügen, wird vermutlich aus der Erfahrung heraus entstanden sein, dass Wahrheit auch Leid bringen kann. Der erste Lügner bezweckte demzufolge wahrscheinlich sein eigenes Wohl. (Dies ist alles nur Mutmaßung, erscheint mir jedoch annehmbar). Der Belogene wird sich falsch behandelt gefühlt, der Lügner sich vielleicht gerechtfertigt haben und somit ist die ethische Frage nach der Legitimation einer Lüge entstanden. Nicht also die Frage nach der Wahrheit selbst, sondern vielmehr die Frage, wann die Wahrheit gesagt werden muss und ob überhaupt gelogen werden darf.

Die Frage nach der Wahrheit selbst stellt sich der Mensch nun im Stillen; wie kann er sicher sein, dass sein Gegenüber wirklich Wahres sagt, und kann er dies überhaupt? Stellt er sich diese Frage vermutlich zunächst noch nur auf der interpersonellen Ebene, so beginnt er wohl bald auch zunehmend, seine Umgebung in Frage zu stellen. Denn lässt sich die Wahrhaftigkeit eines Menschen anzweifeln, dann auch die der Welt selbst, so ist der Mensch doch zu nichts fähig, was der Natur insgesamt nicht möglich ist.

An dieser Stelle wird gleichzeitig auch zwischen der Frage nach der Wahrheit der Erkenntnistheorie und der der Pragmatik (also der Sprachverwendung und ihrer Handlungszusammenhänge) unterschieden, so kann die Wahrheit im pragmatischen Sinne vielleicht doch besser als Wahrhaftigkeit bezeichnet werden. Fraglich ist nun, ob und inwieweit Wahrheit noch unabhängig und außerhalb der Wahrhaftigkeit existieren kann, und ob, sollte dies der Fall sein, diese Wahrheit für uns überhaupt zu erfassen wäre.

Doch kann es nicht auch entgegengesetzt verlaufen sein, so, dass Wahrheit erst durch die Lüge entstanden ist?

An dieser Stelle ein kleines Gedankenexperiment: Gäbe es den Menschen nicht und überhaupt kein philosophierendes Wesen auf der Erde und auch kein Wesen, das imstande wäre, zu lügen, was wäre dann mit der Wahrheit? Es würde sich niemand Gedanken darüber machen, was wahr und was falsch ist. Für die Erkenntnistheorie würde dies bedeuten, dass auch niemand etwas anzweifeln oder gar als unwahr darstellen würde. Es gäbe kein Wahr und kein Falsch, sondern nur das, was ist, an sich. Zumindest nähme jeder dies nur als solches wahr. Die Wahrheit selbst würde dennoch irgendwo existieren, auch wenn niemand darüber nachdenken würde. Die Lüge oder Unwahrheit an sich jedoch nicht, denn eine Wahrheit kann sich nicht verstellen, sie kann nur verfälscht wahrgenommen werden. Da das, was als verfälscht wahrgenommen wird, jedoch in dieser Form nicht existiert, sondern nur im Kopf des Wahrnehmenden, existiert auch die Lüge nur in dessen Kopf. Somit ist höchstens diese durch den Menschen entstanden, nicht jedoch die Wahrheit.

Wie komme ich zu diesem Standpunkt? Hätte der Mensch Wahrheit erfunden, so könnte er sie definieren, er wüsste was Wahrheit ist und noch mehr: Er würde nicht nur ihr Erscheinungsbild kennen, sondern auch ihren Inhalt. Man kann nichts erfinden, ohne sich dessen Essenz bewusst zu sein.

Zudem müsste man die Frage stellen, warum er Wahrheit überhaupt hätte erfinden wollen. Der Mensch erfindet etwas, um ein Bedürfnis befriedigen zu können. Er verspürt ein Bedürfnis, wenn ihm etwas fehlt, das er gewöhnt ist oder braucht. Hätte er das Bedürfnis nach Wahrheit gehabt, so hätte er spüren müssen, dass er sie braucht oder sie ihm vorenthalten wird. Dies setzt jedoch voraus, dass Wahrheit schon existiert, bzw. er sie bereits erfahren haben muss, bevor er das Bedürfnis nach ihr hätte verspüren können.

Er hätte sie auch erfinden können, damit sie ihm in irgendeiner Hinsicht das Leben erleichtert. Hätte sie dies jedoch bezwecken sollen, so hätte der Mensch genau gewusst, was für eine Erleichterung er sich von ihr verspricht. Hat man jedoch die Vorstellung einer Wirkung, so muss man auch zunächst die Vorstellung einer Ursache haben, um diese entwickeln zu können. Doch wie weit mag die Phantasie, die Vorstellungskraft eines Menschen reichen? Sicherlich nicht weiter als bis zu einer willkürlichen Zusammensetzung von bereits Erfahrenem, so hatte auch Kant keine Zweifel, „dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange“. Die Wahrheit an sich ist jedoch rein, sie setzt sich nicht aus verschiedenen Dingen zusammen, sonst wäre sie keine absolute Wahrheit. Von etwas, das bereits existiert, und dabei ist es irrelevant, ob es wirklich so existiert, wie wir es wahrnehmen, bzw. ob es überhaupt existiert, muss etwas die Ursache dafür sein, dass wir es wahrnehmen, und diese Ursache, das Tatsächliche, oder die erste Ursache an sich wird die Wahrheit sein, nach der wir suchen, der Urmeter der Wahrheit. Sie muss also vor allem, was wir hätten erfahren können (a priori), existiert haben, denn nimmt man an, dass Erfahrungen nur abhängig von bereits Existierendem gemacht werden können, so hätte der Mensch der Wahrheit unmöglich zuvorkommen können. Nimmt man dazu noch an, dass die Wahrheit an sich rein und nicht aus einzelnen Teilen zusammengefügt ist, so hätte der Mensch sie auch an sich erfahren müssen, bevor er die Idee von ihr im Kopf hätte haben können.

Dies alles gilt natürlich nur, wenn wir davon ausgehen, dass es tatsächlich eine Wahrheit gibt. Doch ist dem überhaupt so?

Gesetzt den Fall, jemand geht davon aus, dass Wahrheit nicht existiert, könnte er die Fragestellung doch so auslegen, dass der Mensch die Wahrheit nicht erfunden im Sinne von konstruiert haben soll, sondern bloß erfunden im Sinne von erdacht. Hier liegt ein gewaltiger Unterschied, wenn auch vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar. Denn sollte der Mensch Wahrheit konstruiert haben, so existiert sie auch irgendwo in irgendeiner Form. Sollte er sie sich nur erdacht haben, so existiert sie nicht. Da die Wahrheit sich dann willkürlich definieren ließe und nur durch ihren Begriff lebte, wäre es auch möglich, dass der Mensch ihr Modell in seinem Kopf auf der Basis bereits gemachter Erfahrungen gestaltet hat. Er hätte folglich allein den Begriff der Wahrheit erfunden, ohne dass dieser etwas Existierendes bezeichnen würde, wie auch eine Ausrede oder Rechtfertigung erfunden wird; in Kants Worten wäre Wahrheit in diesem Fall also nur ein leerer Begriff ohne Anschauung. Demnach wäre die Wahrheit allerdings keine Wahrheit, sondern die Unwahrheit, was jedoch unwichtig, oder geradezu paradox wäre, da diese Überlegung davon ausgeht, dass es keine Wahrheit gibt.

Ich müsste nun die Frage stellen, weshalb der Mensch dies überhaupt hätte tun sollen, es sei denn, ich könnte belegen, dass es sehr wohl Wahrheit gibt, was nämlichen Fall direkt ausschließen würde, und das kann ich.

Gäbe es keine Wahrheit, so wäre es doch immerhin die Tatsache betreffend wahr, dass es keine Wahrheit gibt. Da dies jedoch ein massiver Widerspruch in sich wäre, muss doch wenigstens die Wahrheit existieren, dass es Wahrheit gibt. Und diese eine grundlegende Wahrheit kann der Mensch nicht erfunden haben. Diese reine Wahrheit steht weit über uns. 

Dies liegt in einem weiteren Grund, weshalb Wahrheit nicht vom Menschen erfunden worden sein kann, begründet: Er kann materielle Dinge erzeugen, jedoch keine metaphysischen. Diese bestehen in seiner Vorstellung allein durch die Begriffe, die er ihnen gegeben hat. Ein Begriff steht nur stellvertretend für das, was er bezeichnet und lässt die Essenz dessen mit ihm assoziieren. Geht man jedoch wie Sartre davon aus, dass „die Existenz dem Wesen vorausgeht“, so hat Wahrheit existiert, bevor der Mensch ihr eine Bezeichnung geben konnte. Er kann zudem nur in den Begriffen der Sprache denken, die er sich selbst geschaffen hat. Da diese jedoch, wie bereits erwähnt, nicht die tatsächliche Wirklichkeit ausdrücken können, hat der Mensch gar nicht die Mittel, Wahrheit zu erfinden.

Ist Wahrheit somit nicht reiner als jede Erfindung des Menschen? Das ist sie und sie ist sogar reiner als der Mensch selbst. Hätte er Wahrheit erfunden, so hätte er selbst vor ihr existieren müssen und wäre zuvor an sich nicht wahr gewesen. 

Auch wenn der Mensch in seinem Streben nach Macht wahrscheinlich gerne das Patent auf die Wahrheit besäße, so kann er doch froh sein, dass dem nicht so ist. Er bedauert es, die tatsächliche Wahrheit nicht finden zu können, doch letztendlich liegt in dieser Unfähigkeit auch seine Freiheit. Er kann nach ihr suchen, er kann philosophieren und frei darüber nachdenken. Sollte er tatsächlich irgendwann eine handfeste Wahrheit in seinem Leben benötigen, so steht es ihm frei, zu entscheiden, was er zu dieser seiner eigenen, subjektiven Wahrheit machen möchte. Denn ob er damit falsch liegt, wird er vermutlich nicht erfahren und es ist keine Sünde, etwas für wahr zu halten, es ist nur Sünde etwas seines Wissens nach Unwahres als wahr zu verkaufen.

Philosophie ist eine Erfindung des Menschen. In der Philosophie werden Fragen gestellt, der Mensch versucht immer wieder, Antworten zu finden. Er denkt nach und er zweifelt. Er zweifelt an dem, was ist und an der Tatsache, dass alles wahr ist, was ihm wahr erscheint. Er kennt die Wahrheit nicht, weiß nicht einmal, was Wahrheit ist, hat jedoch eine Vorstellung von dem, was er sich von ihr verspricht. Geht man davon aus, dass es irgendwo eine tatsächliche, reine Wahrheit gibt, auch wenn sie uns verborgen zu bleiben scheint, so hat der Mensch sie nicht erfunden. Aber er hat ihren Begriff erfunden und dies war allein schon deshalb nötig, da er auf der Suche nach ihr ist und der Mensch braucht einen Begriff, um zu wissen, wonach er sucht und die Hoffnung, dies zu finden, kann er sich erst machen, sobald er weiß, wonach er suchen muss.

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